Wenn Trauer nicht sein darf.
Über einen Verlust, den viele nicht verstehen.
Ich trauere.
Es ist ein tiefer, schwerer Schmerz.
Wie eine Welle hat er mich überrollt, mich umgeworfen, mir den Boden unter den Füßen weggerissen.
Ich esse kaum, schlafe schlecht.
Und ich frage mich:
Darf ich das überhaupt – so trauern?
Genau so – oder ganz ähnlich – beginnen viele Gespräche in der Trauerbegleitung.
Verlust gehört zu den intensivsten Erfahrungen unseres Lebens.
Und doch wird nicht jede Trauer gesehen. Nicht jede Trauer zählt.
„Das ist nicht dasselbe.“ – Oder doch?
In meiner fiktiven Geschichte erzähle ich über Natalie. Sie beschreibt, wie es ihr aufgrund ihrer Trauer geht, wie es sie schmerzt. Dann offenbart sie, um wen sie trauert.
Um Tom. Ihren Hund.
Und es breitet sich Schweigen im Raum aus.
Dann sagt jemand zu ihr:
„Natalie. Das ist nicht dasselbe.“
Aber was, wenn es das doch ist?
Was, wenn der Tod eines Hundes kein bisschen weniger schmerzt?
Was, wenn die Verbindung so tief war, dass die Lücke unermesslich ist?
Die unsichtbare Trauer
Ich bin psychologische und kunsttherapeutische Beraterin – und selbst Hundebesitzerin.
Kürzlich begleitete ich eine Klientin durch eine besonders schmerzhafte Zeit:
Sie hatte ihren Hund verloren.
Ihren Gefährten. Ihre emotionale Stütze. Ihren sicheren Hafen im Alltag.
In dieser Begleitung wurde mir wieder einmal bewusst, wie tief der Schmerz sein kann – und wie wenig Raum er bekommt.
„Es war doch nur ein Hund, hol dir doch einen neuen“, hören Trauernde oft.
Aber für viele ist es nicht nur ein austauschbarer Hund.
Es ist ein Familienmitglied. Ein Seelenfreund.
Oft das einzige Wesen, das wirklich da war – Tag für Tag.
Genau deshalb schreibe ich diesen Text.
Warum Hunde unser Herz berühren – und was ihr Verlust mit uns macht
Hunde sind für viele Menschen emotionale Bezugspersonen – treu, bedingungslos zugewandt, präsent.
Die Forschung bestätigt, was viele intuitiv spüren:
Was passiert, wenn wir nicht trauern?
Trauer ist keine Krankheit.
Sie ist ein gesunder Anpassungsprozess – unser inneres Navigationssystem, wenn wir Abschied nehmen.
Die Forschung spricht heute nicht mehr nur von festen Phasen, sondern von Trauerprozessen, die zwischen Verlust und Neuorientierung pendeln (z. B. das Duale Prozessmodell von Stroebe & Schut).
Wenn wir diesen Prozess unterbrechen, verdrängen oder keine Sprache finden, kann das Folgen haben:
- Chronische Trauer
- Depressionen
- Schlafstörungen
- Erschöpfung oder psychosomatische Beschwerden
Trauer braucht Raum.
Sie braucht Ausdruck.
Und manchmal auch Begleitung.
Wie du Tiertrauende unterstützen kannst
Wenn jemand in deinem Umfeld ein Tier verloren hat, kannst du viel bewirken – auch ohne große Worte:
- Erkenne die Trauer an, selbst wenn du sie nicht ganz nachvollziehen kannst.
Sag lieber: „Ich sehe, wie sehr dich das trifft“ als: „Es war doch nur ein Tier.“ - Höre zu, ohne zu relativieren oder Ratschläge zu geben.
- Erinnert euch gemeinsam: an Rituale, Eigenheiten, liebevolle Momente.
- Frag nach: „Gibt es etwas, das ich für dich tun kann?“ – und sei bereit, einfach nur da zu sein.
Manchmal ist stille Präsenz das Größte, was du schenken kannst.
Trauer ist Liebe, die keinen Ort mehr hat
Wenn ein Hund stirbt, stirbt nicht „nur“ ein Tier.
Es stirbt eine Beziehung. Eine Geschichte. Ein vertrauter Blick. Ein morgendliches Ritual. Ein Lebensrhythmus.
Und all das darf betrauert werden.
Trauer ist kein Zeichen von Schwäche.
Sie ist ein Ausdruck von Liebe.
Ein Akt der Würde.
Kunsttherapeutische Beratung als Raum für Erinnerung und Ausdruck
Worte reichen oft nicht aus für das, was wir fühlen.
Gerade in der Tiertrauer helfen kreative Wege, dem Unaussprechlichen Gestalt zu geben:
- Ein bemalter Gedenkstein
- Ein Abschiedsbrief an dein Tier – vielleicht mit Antwort
- Eine Collage aus Erinnerungen
........
Die Bindung darf sichtbar werden. Spürbar. Gewürdigt.
Auch – oder gerade dann – wenn die Außenwelt sie nicht versteht.
Wenn du dabei Begleitung möchtest: Ich bin da.
Von Herzen,
Leila Bauer-Oesker
Literatur zur Tiertrauer:
Radinger, Elli H. (2021): Abschied vom geliebten Hund: Trauern, loslassen, neuen Mut fassen. Gräfe und Unzer Verlag, München.
Ein praxisorientierter Ratgeber von einer erfahrenen Hundeexpertin, der persönliche Erfahrungen und professionelle Hilfen zur Trauerbewältigung nach dem Verlust des Hundes verbindet.
Wissenschaftliche Studien zur Mensch-Tier-Bindung:
Julius, H., Beetz, A., et al. (2012): Bindung zu Haustieren und soziale Beziehungen. In: Bindungstheorie und Mensch-Tier-Beziehung, Vandenhoeck & Ruprecht.
Lass-Hennemann, Johanna & Schächinger, Hartmut (2014): Soziale Unterstützung durch Hunde – Stressregulation durch Nähe. In: Psychoneuro, Ausgabe 1/2014.
Nagasawa, M., et al. (2009): Oxytocin-gaze positive loop and the coevolution of human-dog bonds. Science, 348(6232), 333–336.

Ein Hund ersetzt kein Kind. Kein Elternteil. Ist kein*e Partner*in.
Und doch erfüllt er oft vergleichbare Funktionen – emotional, psychisch, sogar körperlich.
Kein Wunder also, dass der Schmerz nach dem Verlust so tief sein kann.
Und kein Wunder, dass er oft missverstanden wird.